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Toxische Beziehungen | Ursachen verstehen und in die Handlung kommen

In einer gesunden Beziehung ist das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen mehrheitlich ausgewogen. In einer toxischen Beziehung besteht zwischen beiden Partnern ein extrem hohes Ungleichgewicht an Geben und Nehmen. Während die Bedürfnisse des einen Partners im Vordergrund stehen und auch eingefordert werden, werden den Bedürfnissen des anderen Partners kaum Beachtung geschenkt oder werden einfach übergangen. Verbleiben solchen Beziehungsmustern, machen wir uns selbst klein und unbedeutend. Durch die ständigen Verletzungen geraten wir in einen Strudel von negativen Gedanken, Glaubenssätzen und Gefühlen, die unser Leben ausbremsen und irgendwann auch Krank an Körper und Seele machen.

Toxische Beziehungen müssen nicht zwingend an eine Partnerschaft gebunden sein. Sie können überall da auftreten wo sich Menschen intensiv begegnen, z.B. in der Familie, in Freundschaften, am Arbeitsplatz, Schule, Sport, Verein etc.

 

Hintergründe zu toxischen Beziehungen
Das Thema ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden. Aktuell, während ich hier schreibe, auch grad in den öffentlichen Medien, durch den Fall "Johnny Depp vs Amber Heard.

Sehr schnell wird jedoch schubladisiert und gleich von Narzissmus gesprochen. Was sicher oft der Fall ist, aber bestimmt nicht immer. Es gibt auch noch andere Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. verschiedene Borderlinetypen oder histrionische oder anti-soziale PS, die zu einer hochtoxischen Beziehung führen können. Aber nicht jeder Mensch ist gleich ein Narzisst oder allgemein Persönlichkeitsgestört, wenn er einige Züge davon hat. Auch Co-Abhängige oder sogenannte Co-Narzissten, mit ihrem oft sehr aufdringlichen, überführsorglichen oder bedürftigen Verhalten, können einen Menschen ebenfalls beinahe in den Wahnsinn treiben und eine Beziehung nicht minder vergiften. Was nichts rechtfertigen oder relativieren soll, jedoch auch mal erwähnt werden darf!

 
Die Ursachen
Bei einer toxischen Beziehung treffen zwei Menschen mit ungesunden Verhaltensmustern aufeinander. Dabei unterdrückt oder manipuliert meist der eine Partner den anderen für seine Zwecke und der andere Partner ist der Untergebene, der alles mit sich machen lässt. Sie müssen sich dabei nicht suchen, sie finden sich.

Toxische Menschen können in der Regel keine gleichberechtigten oder respektvollen Beziehungen eingehen, da sie in den meisten Fällen bereits in ihrer Kindheit auch keine normale Bindung zu den Eltern aufbauen konnten. Die Kindheit beider bestand oft aus emotionalem Missbrauch, emotionaler Vernachlässigung oder Ablehnung einer oder beider Elternteile. Aber auch starke Bemutterung oder Überidealisierung können zu solchen Störungen führen. Sie können von Bindungsängsten oder von starken Verlustängsten, geringem Selbstwert und tiefer innerer Zweifel oder Unsicherheiten getrieben sein. Jede Zurückweisung kann für sie in ihrer Überempfindlichkeit zur menschlichen Katastrophe führen.

Um dies zu verhindern, versuchen beide, dominante und Co-Abhängige Partner, ihr Gegenüber mit ihren, in der Kindheit antrainierten Überlebenstaktiken an sich zu binden, um auf diesem Weg zu einer gewissen inneren Stabilität zu gelangen. Beide haben in der Kindheit oft kein gesundes und ausgewogenes Gefühl von Liebe und Geborgenheit erfahren und können als Erwachsene diese Emotionen genauso wenig angemessen weitergeben. Gemäss dem Resonanzgesetz können sie dann nur solche Partner finden, die das Gleiche als Liebe und Zuneigung identifizieren, wie sie selbst und so wird ein weiteres Glied in der toxischen Beziehungskette ihrer Familien geschmiedet.

 

Eine unstabile Kindheit muss jedoch nicht zwingend immer der Grund sein, dass man sich in einer toxischen Beziehung mit z.B. einem verdeckten Narzissten wiederfindet. Auch Menschen mit einer grundlegend schönen Kindheit und einer guten Elternbeziehung können an toxische Menschen geraten z.B. durch Leichtsinn oder Gutgläubigkeit, da sie z.B. noch nie extrem negative Beziehungserfahrungen gemacht haben und der Manipulator sich in der ersten Phase der Beziehung sehr geschickt, verdeckt narzisstisch verhalten hat.

Folgen einer toxischen Beziehung
Nach einer meist überschwänglichen ersten Phase gegenseitiger Sympathie oder Verliebtheit kommt irgendwann der ernüchternde Punkt und Übergang in Phase 2 der Beziehung: Der rücksichtslose Egoismus des einen Gegenübers wird immer mehr zum Mittelpunkt und kräftezehrende Diskussionen oder Streitereien werden zum Alltag.

 

Je nach Umfang und je länger eine ungesunde Beziehungskonstellation ignoriert wird, desto grösser und umfangreicher kann der Schaden werden. Neben seelischen- und körperlich/psychosomatischen Störungen, können auch massive soziale oder finanzielle Schäden entstehen.

Ist eine toxische Beziehung zu retten?
Handelt es sich bei einem Partner z.B. um einen stark narzisstischen, persönlichkeitsgestörten Menschen, dann wird die Beziehung höchstwarscheinlich nicht zu retten sein, da auf seiner Seite kaum oder gar keine Einsicht zu erwarten ist. Denn dies würde für ihn bedeuten, dass sein Fake Bild, das er sich oft über Jahre hinweg aufgebaut hat, in Frage gestellt würde. Er wird in den meisten Fällen alles daransetzen, sein auf Illusionen und Selbstschutz gebautes Eigenbild zu wahren. Gerade Narzissmus ist darum schwer therapierbar und dauert meist Jahre, wenn sie denn überhaupt gelingt. Somit wird auch der Preis zu bleiben für den anderen Partner immer zu hoch sein. Viel zu hoch!

Hat eine Beziehung zwar ab und an toxische Tendenzen (das kommt in allen Beziehungen mal vor) das Gute überwiegt jedoch und beide Partner erkennen ihre negativen Verhaltensmuster und bearbeiten sie, dann würde ich dem Ganzen wirklich eine Chance geben, solange ein gemeinsames Wachstum möglich ist. Werden die Bemühungen jedoch irgendwann doch nur noch zur Einseitigkeit oder dein Partner kann deinem Wachstumstempo nicht standhalten, dann rate ich euch, auch allfälligen Kindern zu Liebe, die Beziehung anständig zu beenden und getrennte Wege zu gehen.

Toxische Beziehung beenden
Eine toxische partnerschaftliche Beziehung zu beenden sollte gut geplant werden. Es benötigt einen sehr starken Willen, Durchhaltevermögen und manchmal auch die Hilfe von aussen. Denn der toxische Partner wird den Anderen in den wenigsten Fällen einfach ziehen lassen und ihn mit zahlreichen Tricks oder gar boshaften Fallstricken zum Bleiben manipulieren. Auch werden die Opfer im Vorfeld nicht selten sozial isoliert und darum ist die Angst vor den angedrohten Folgen, dem Alleinsein und der existenziellen Ungewissheit verständlicherweise oft sehr gross. Gerade dann, wenn man finanziell vom Partner abhängig ist und Kinder mit im Spiel sind.

 

Spezielle Fachstellen oder auch der Opferschutz können hier eine grosse Hilfe sein. Neigt der Partner auch zu physischer Gewalt, sollte man sich keinesfalls scheuen, sich an die Polizei zu wenden. Man sollte seine Flucht genauso akribisch planen, wie der manipulative Partner einem in seinen Fängen zu halten versucht und dabei nichts Unüberlegtes tun.

Auch nach einer erfolgten Trennung kann es noch länger zu erneuten Annäherungsversuchen kommen. Hierbei benötigt es ebenfalls Standhaftigkeit, seine eigenen gesteckten Grenzen zu wahren und meist einen ziemlich ausgedehnten langen Atem.


Verarbeitung der Beziehung
Nach einer toxischen Beziehung ist es oft erstmal schwer wieder zu sich selbst und ins Leben zurückzufinden. Die Auswirkungen von permanenten Grenzüberschreitungen oder Verletzungen sitzen vielleicht noch zu tief oder die eigene Wahrnehmung ist durch die Manipulation des Partners, Freundes etc. noch zu verzerrt. Man kann sich und seinen eigenen Empfindungen noch nicht wieder trauen und das verzögert die Rückkehr ins normale Leben. Manchmal lässt einem der Partner oder ehemalige Freund selbst nach einer Trennung nicht in Ruhe, so dass ein gänzlicher Kontaktabbruch erforderlich wird um wieder Frieden im Herzen zu finden. Ganz besonders schwierig wird es dann jedoch, wenn auch Kinder mit im Spiel sind.

Nachdem jedoch der erste Schmerz gelindert und der neue Alltag wieder eingezogen ist, sollte man erstmal gut zu sich selbst sorgen, sich Gutes gönnen und Schritt für Schritt wieder am Leben teilhaben. Ist man durch eine toxische Beziehung traumatisiert, kann auch eine Traumatherapie notwendig werden, um sich wieder zu stabilisieren.

Nach einer Trennung solltest du dich also nicht gleich wieder in eine neue Beziehung oder Freundschaft stürzen. Lass dir die Zeit die du brauchst um zu dir selbst zurückzufinden. Du trägst zwar menschlich gesehen meist keine Schuld, dass du in seine solche Situation geraten bist, aber durch unbewusste Co-abhängige Muster hast auch du zur Aufrechterhaltung der toxischen Beziehung oder Freundschaft beigetragen. Darum ist es wichtig, diese Muster zu erkennen und zu lösen, damit es bei du in Zukunft erste Anzeichen dafür besser erkennen und souveräner darauf reagieren kannst. Dadurch formt sich für dich ein neues, wertschätzendes und stabiles Umfeld, von dem du dich in Zukunft, ohne dich verstellen zu müssen, genau so wie du bist, angenommen und getragen fühlen darfst.

 

 

 

©sabineamrhein.ch


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